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"der bauschaden"

Schadensursachen erkennen

Bauschäden fachgerecht sanieren

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Putzerneuerung an einem denkmalgeschützten Altbau

Dokumententyp: Schadensfall

Risse nach dem Auftragen des neuen Putzes
© P. Körber
Im Fallbeispiel wurde nach dem Abschlagen des Altputzes ein neuer zweilagiger Putz aufgetragen. Die im Altputz vorhandenen, sich deutlich abzeichnenden Risse waren nach dem Abschlagen des Putzes kaum mehr sichtbar, da zuvor keine Kartierung (oder Anzeichnung) der Altrisse vorgenommen worden war.

Im Rahmen der Neuverputzung wurden die nach dem Abschlagen noch sichtbaren Risse mit rissüberbrückendem Gewebe überspannt, die lediglich ca. 20 % der in Wirklichkeit vorhandenen Risse ausmachten. Die mit Gewebe überspannten Bereiche blieben rissfrei.

Die anderweitig festgestellten Risse verlaufen alle im Brüstungsbereich unter den Wohnungsfenstern und verteilen sich gleichmäßig über die ganze Fassade. Die vorgefundenen Risse verlaufen ausgehend von den unteren Ecken der Fenster diagonal nach unten oder aus der mittleren Zone der Außenfensterbank diagonal und vertikal nach unten. Die Risslängen betragen ca. 0,4 m bis 2,2 m und verjüngen sich nach unten. Die Rissweiten betragen 0,1 bis 0,4 mm.

 

Bestandsaufnahme Risse (beispielhafter Auszug)

Die Durchführung einer Bestandsaufnahme vor der Ausführung obliegt der Planung. Bei sorgfältiger und akribischer Bestandserfassung wäre im Ergebnis ein anderes Putzsystem als das vorgefundene eingesetzt worden. Dadurch hätten die Risse vermieden werden können.

Die Bestandsaufnahme und insbesondere die Kartierung von Rissen sind auch deshalb erforderlich, da vielfach erst in der Gesamtschau die eigentliche Rissursache überblickt werden kann, um daraus die geeigneten Sanierungsmaßnahmen abzuleiten.

 

11-48-04-01
Abb. 1: Im Rahmen der Beurteilung der Risse, die sich nach der
Neuverputzung eingestellt haben, wurde die nachfolgende
Bestandsaufnahme durchgeführt. Tabelle: Körber

 

 

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Abb. 2 und 3: Im Rahmen der Bestandsaufnahme wurden die Risse kartiert. Zeichnungen: Körber

 

 

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Abb. 4 und 5: Bestandsaufnahme der Fensterbrüstungen, Quelle: Körber

 

Proben/Risstiefen

Im Rahmen der Bestandsaufnahme der Risse im Neuputz wurden Bohrungen eingebracht, um die Risstiefen exemplarisch feststellen zu können. Des Weiteren wurde auf diese Weise festgestellt, ob im Neuputz Armierungsgewebe eingesetzt wurde.

 

Gipsmarken

Anhand von Gipsmarken oder Rissmonitoren kann festgestellt werden, ob die Risse noch Rissaktivität zeigen. Der Zeitraum zwischen dem Anbringen der Gipsmarken und der Kontrolle sollte mind. drei Monate betragen. Im Ergebnis wird die Rissweitenänderung Δw festgestellt.

 

Putzsystem

Verwendetes Putzsystem:

  • Unterputz ca. 15 mm, Mörtelgruppe PII, keine Gewebeeinlage im Unterputz
  • Oberputz ca. 10 mm, Mörtelgruppe PI c Die Putzfestigkeiten entsprechen den Anforderungen der DIN 18550-1, Putzsysteme für Außenputze.

Demnach stehen die Putzfestigkeiten in keinem kausalen Zusammenhang mit den aufgetretenen Rissen. Der vorgefundene Putzaufbau kann jedoch nicht die Spannungen des Mauerwerks aufnehmen. Daher entsteht im Neuputz ein ähnliches Rissbild wie vor der Neuverputzung.

 

Vorhandene Wandquerschnitte

Die Außenwände des Gebäudes bestehen aus Vollziegeln. Die Wände sind monolithisch gemauert. Im Bereich der Brüstungen von Wohnungsfenstern sind die Außenwände zweischalig mit stehender Luftschicht ausgeführt. Die Gesamtwandstärken der Außenwände betragen im Erdgeschoss 53 cm und in den Obergeschossen 41 cm. In den Brüstungsnischen beträgt die Gesamtaußenwandstärke 33 cm. Die Außenschale in den Nischen hat jedoch lediglich eine Wandstärke von 12 cm.

In den Obergeschossen (außer dem Erdgeschoss) wurde im Rahmen der Sanierung in den Brüstungen der Wohnungen eine Innendämmung mit Gipskartonbekleidung eingebaut.

 

Schadensbild

Im Rahmen der Bestandsaufnahme konnten alte Fassadenbilder zum Vergleich herangezogen werden. Die Gegenüberstellung der Schadensbilder des Altputzes mit der Schadenskartierung nach der Sanierung (Neuputz) zeigt deutlich, dass beide Rissbilder dieselbe Rissursache haben. Dies gilt auch, obwohl die Risse nicht exakt denselben Verlauf im Putz haben, da sich beim Neuverputzen ein neues Gefüge aus Putzgrund (Mauerwerk) und Putz ergibt und das Aufreißen des neuen Putzes nicht in exakt der gleichen Art und Weise geschieht wie bei den Rissen im Altputz. In den Abbildungen 6 - 11 ist eine Gegenüberstellung der Schadensbilder im Altputz und im Neuputz auszugsweise wiedergegeben.

Für die Risse vermeidende Ausführung von Putz- und Mauerwerksarbeiten in der Altbausanierung, hier insbesondere im Denkmalbereich, ist eine umfangreiche fotographische Dokumentation des Objekts unerlässlich. Die Dokumentation dient u. a. zum einen der sicheren Beurteilung von Altschäden an Mauerwerkswänden und kann zum anderen nach erfolgter Sanierung als Beleg für den richtigen Ansatz der Sanierungsmaßnahmen herangezogen werden.

 

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Abb. 6 bis 11: Gegenüberstellung der Risse vor der Verputzung (Altputz) und der Risse nach dem Auftragen des neuen Putzes, Fotos: Körber

 

Rissursachen

Spannungsrisse

Die Risse des Neuputzes werden als Spannungsrisse oder auch Kerbrisse bezeichnet. Sie entstehen aufgrund von Spannungskonzentrationen insbesondere in den Ecken der Fensteröffnung und in der Mitte des Brüstungsfelds. Es handelt sich um konstruktiv bedingte Risse im Putzgrund (Mauerwerk).

Die Spannungen entstehen aufgrund von Lastumlagerungen an den Öffnungen (Fenstern) in den Wänden. Sie bedeuten Längenänderungsdifferenzen. Die primäre Ursache für die Brüstungsrisse ist ein lotrechtes Zusammendrücken der Mauerwerkspfeiler gegenüber dem unbelasteten Brüstungsmauerwerk.

Die Wandstärken betragen im Erdgeschoss 53 cm und in den Obergeschossen 41 cm. Da die Außenschale des Mauerwerks im Bereich der Fensterbrüstungen lediglich 12 cm dick ist, treten die Risse wegen der Querschnittsschwächung der Außenwände verstärkt im Bereich der Brüstungen/Heizkörpernischen auf.

 

 

 

Thermische und hygrische Dehnungen

Durch die im Rahmen der Sanierung ausgeführten Dämmarbeiten an der Innenseite der Brüstungen werden die ohnehin vorhandenen thermisch bedingten Spannungen im Bereich des Brüstungsmauerwerks verstärkt, da die Temperaturen im Bauteil Wand in den Bereichen der Brüstung und der Mauerwerkspfeiler erheblich differieren.

Dieses kann anhand des in Abbildung 12 aufgeführten Isothermenverlaufs im Brüstungsbereich nachgewiesen werden. Die thermischen Spannungen sind also mit den Kerbspannungen aus den Lastumlagerungen mitwirkend (verstärkend).

 

11-48-04-12 Abb. 12: Isothermenverlauf im Wandquerschnitt im Brüstungsbereich, Quelle: Körber

 

Im Rahmen der Planung muss demnach anhand der Bestandsaufnahme erkannt werden, dass es sich bei den festgestellten Altrissen um Spannungsrisse handelt, die durch die konstruktiven Schwächen des Altbaus bedingt sind. Hieraus hätte zwingend der Schluss gezogen werden müssen, dass zur Rissvermeidung beim Auftragen des neuen Putzes keinesfalls ein Putzsystem ohne Putzarmierung eingesetzt werden darf.

Die Risse sind prinzipiell nur bedingt beruhigbar, da das Bauteil Außenwand durch den Wechsel der Jahreszeiten thermisch sowie hygrisch bedingten (aus Feuchte herrührenden) Dehnungen unterworfen ist.

Die Verformung des Putzgrundes mit einer Rissbreitenänderung (Δw) muss als wiederkehrend betrachtet werden.

 

Fazit Fallstudie „denkmalgeschützte Außenfassaden in der Sanierung”

Das Rissbild der Bestandsfassaden hätte wegen der hohen Anzahl und dem hohen Verteilungsgrad der Risse eine vollflächige Armierung des Putzes erfordert. Nach dem Abschlagen des Altputzes waren jedoch nur noch 20 % der alten Risse erkennbar, welche mit Gewebe überspannt wurden und nach Sanierung rissfrei blieben.

 

Es ist daher bereits zum Zeitpunkt der Planung und Ausschreibung eine Kartierung und das fotografische Festhalten der Risse erforderlich, um daraus die geeignete Sanierungsvariante abzuleiten.

 

Nach DIN 18 550-2 ist die Prüfung der Putzfähigkeit des Putzgrunds mit größter Sorgfalt durchführen. Daher hätte ein Hinweis an den Auftraggeber und eine Bedenkenanmeldung nach VOB Teil B, DIN 1961 § 4 seitens des Ausführenden unverzüglich schriftlich geltend gemacht werden müssen. Spätestens bei Vorliegen der Bedenkenanmeldung hätte die geplante Sanierungsvariante zugunsten einer Risse vermeidenden Lösung verworfen werden müssen.

Um thermische Spannungen zu minimieren, sind die Brüstungsnischen mit artgleichen Steinen aufzumauern. Des Weiteren ist die etwaige Zweischaligkeit im Brüstungsbereich vor Ausführungsbeginn zu erkunden. Zusätzlich sind die Brüstungsbereiche mit geeigneten Putzträgern zu überspannen.

 

 

Autor: Dipl.-Ing. Peter Körber

 

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